Über die Ursprünge weiblicher Lust

Nachdem über eine lange geschichtliche Periode die Frigidität und das sexuelle Desinteresse der Frau als normal und der „guten“ Sitte entsprechend angesehen wurde, änderte sich bekanntlich seit geraumer Zeit die Einstellung zur weiblichen Sexualität. An dieser Änderung ist nicht zuletzt die Psychoanalyse beteiligt. Jetzt wurde umgekehrt gefordert: nur wer zum Orgasmus fähig ist, kann als reife Frau angesehen werden. Äußerlich veränderte sich also die Szene drastisch, faktisch blieb aber vieles beim Alten. Denn indem sich die Frau dem neuen Meinungsdiktat vom vaginalen Orgasmus unterwarf, blieb sie trotz angeblicher sexueller Befreiung dem Mann und seinen Vorurteilen von „wahrer“ Weiblichkeit ausgeliefert. Wir wissen, daß heute die Zahl der frigiden Frauen nicht kleiner geworden ist als zum Beispiel zur Zeit Freuds, daß aber die Frau sich im Gegensatz zu früher aufgrund ihrer Frigidität zutiefst entwertet fühlt.

Über den Ursprung der sexuellen Bedürfnisse beim Mann und bei der Frau gab es im laufe der Zeit viele Theorien und „wissenschaftliche“ Erklärungen. Bekanntlich nahm Freud, wie andere Wissenschaftler seiner Zeit, eine somatische Erregungsquelle an. Als Psychoanalytikerin fällt es mir nicht schwer, mit dem Sexualforscher Schmidt (in „Ergebnisse zur Sexualforschung“) darin übereinzustimmen, daß die Fähigkeit zur sexuellen Erregbarkeit von bewußten und unbewußten, psychischen und biologisch-somatischen Erfahrungen, Lernvorgängen, Identifikationen und Konfliktverarbeitungen abhängt.

Schmidt hat einleuchtend dargestellt, daß Vorstellungen, in denen Sexualität als regelmäßig entstehende Triebsummierung angesehen wird, die Spannung hervorruft und nach Abfuhr drängt, wissenschaftlich nicht mehr haltbar sind. Auch was physiologisch auf die Entstehung und Befriedigung von Hunger und Durst zutrifft, läßt sich auf die menschliche Sexualität nicht übertragen. Bei ihr handelt es sich, so schreibt Schmidt, um „eine Bereitschaft, in bestimmten Reizsituationen zu bestimmten Handlungen mit bestimmter Intensität motiviert zu sein.“ (in „Ergebnisse zur Sexualforschung“).

Schmidt weist nicht zu Unrecht darauf hin, daß nur dann, wenn Sexualität vorwiegend als Triebgeschehen angesehen wird, Konzepte wie „Sublimierung“ und die „Notwendigkeit“ von sozialer Kontrolle der Sexualität etc. entstehen konnten.

Es gäbe Beispiele dafür, daß Individuen zu einer nur geringfügigen sexuellen Erregbarkeit erzogen werden könnten, zum Beispiel indem man ihnen in Kindheit und Jugend sexuelle Erfahrungs- und Spielmöglichkeiten entzöge. Genauso ließe sich eine Gesellschaft denken, in der durch frühzeitige Förderung der Sexualität eine Art „Süchtigkeit“ ihr gegenüber entstünde. Seit langem sei die Erziehung des Mädchens weit mehr im Sinne sexueller Abstinenz erfolgt und habe deswegen auch de facto zu geringeren sexuellen Bedürfnissen geführt. Untersuchungen an jungen Mädchen werden angeführt, die nach der Pubertät sexuell enthaltsam lebten und dennoch nicht bewußt unter sexueller Frustration litten.

An der Entleerungstheorie und den psychohydraulischen Modellen von der Entstehung der Sexualität wird meines Erachtens wieder einmal deutlich, daß „wissenschaftliche Erkenntnisse“ von der Sehensweise der jeweiligen Gesellschaft und ihrer Erklärungsbedürfnisse abhängig sind. Auch die Psychoanalyse ist davon überzeugt, daß die Lern- und Wandlungsfähigkeit der Triebe beträchtlich ist und sie erst durch die frühen Interaktionen des Kindes mit seinen Beziehungspersonen strukturiert werden.

Die Auffassung von der weitgehend durch angeeignete Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten bestimmte Sexualität, wie sie Schmidt vertritt, lassen allerdings bedeutende Einflußmöglichkeiten auf die psychosexuelle Entwicklung unberücksichtigt: so wie unbewußte Identifikationen in den verschiedenen Entwicklungsphasen, innerpsychische Konflikte etc.

Freud sah in der Tabuierung der Sexualität, wie sie in der Erziehung des Mädchens zu beobachten ist, eine Ursache der weiblichen Denkhemmung. Das würde der Auffassung entsprechen, daß Unterdrückung der Sexualität in der Erziehung auch zu einer Unterdrückung der Sublimierungs- gleich Denkfähigkeit führt. Andererseits ist es offensichtlich, daß die Fähigkeit der Frau, sich in Wissenschaft, Kunst und Politik durchzusetzen, sowohl von den gesellschaftlichen Angeboten und Einstellungen abhängt, als auch von den Rollenerwartungen, die im Leben einer Frau an sie herangetragen wurden.

Last not least spielen die Identifikationen mit den Elternteilen gleichen Geschlechts eine wesentliche Rolle für die Verhaltensweisen eines Menschen, wie sie sich im Laufe des Lebens herausbilden.

Der allgemeine Zugang zu schwangerschaftsverhütenden Mitteln hat für viele Frauen Befreiung von Ängsten und sexueller Einengung bedeutet. Gleichzeitig haben die dadurch entstehenden neuen Verhältnisse nicht selten neue Zwänge herbeigeführt, so den Zwang, stets verfügbar zu sein. Mit der Vermarktung des weiblichen Körpers und der Sexualität beider Geschlechter ist eine neue Phase der gesellschaftlichen Einstellung zur Beziehung der Geschlechter zueinander eingetreten. Die Familie bleibt zwar ideologische Stütze unserer Gesellschaftsstruktur, hat jedoch ihre ökonomische Bedeutung weitgehend verloren. Die Sexualität als gut verkäuflicher Markt- und Konsumartikel wird von der heutigen Gesellschaft voll ausgenutzt. Sie ist deswegen – auch für die Frau – an die Ehe nicht mehr gebunden. Voreheliche sexuelle Gemeinschaften unterstehen kaum noch einem gesellschaftlichen Tabu. Verglichen mit früheren Jahrhunderten sieht das wie eine erstaunlich weitgehende sexuelle Befreiung der Frau aus. Dennoch darf nicht übersehen werden, welche neuen Formen der Unterdrückung die veränderte Situation ermöglicht.

Die Tendenz, lesbische Beziehungen zu verpönen, ist immer noch groß. Das wurde an manchen Strafprozessen der letzten Jahre deutlich. Offenbar kann aktive selbständige Sexualität der Frau nur dann als „normal“ angesehen werden, wenn sie in Form und Ausdrucksweise vom Mann bestimmt bleibt. Die kindliche Wahrnehmung des genitalen Geschlechtsunterschiedes wird von vielen Forschern früher angesetzt als zu Freuds-Zeiten, das heißt vor der phallischen Entwicklungsphase. Man nimmt an, daß sie spätestens Ende des 2. Lebensjahres stattfindet. Auch stellten viele Beobachter kindlichen Verhaltens fest, daß sich die Verhaltensweisen von Knaben und Mädchen schon vor der phallischen Phase zu unterscheiden beginnen.

Dennoch muß bezweifelt werden, daß ein solches geschlechtsspezifisches Verhalten die Folge der psychischen Verarbeitung der Wahrnehmung des anatomischen Unterschiedes sei. Dagegen sprechen zum Beispiel Forschungen von Stoller, aus denen hervorgeht, daß Mädchen und Knaben sich ihrer Erziehung gemäß entwickeln, also danach, wie ihr Geschlecht bei   der Geburt bestimmt wurde, auch wenn das ihrem genetischen Geschlecht nicht entspricht. Da überdies Mädchen, die ohne Vagina geboren wurden und Knaben, denen kongenital der Penis fehlte, wie auch blinde Kinder, ihrem Geschlecht entsprechende Verhaltensweisen entwickelten, kann die Wahrnehmung des anatomischen Geschlechtsunterschiedes nicht die psychologische Bedeutung haben, die Freud ihr zuschrieb.

Der Ursprung der Geschlechts-Identität ist im Verlauf von neueren Untersuchungen über Transsexuelle, Transvestiten und Homosexuelle vielfach diskutiert worden und hat manche bisherige Ansicht in Frage gestellt. Die Geschlechtsidentität hängt nach neueren Erkenntnissen davon ab, wie sich das Kind aufgrund seiner Erziehung und der Haltung seiner Umgebung psychisch selbst bestimmt und nicht von seinem physiologisch bestimmten genetischen Geschlecht oder seiner äußeren Geschlechtsmerkmale. Diese geschlechtliche Selbstbestimmung des Kindes bilde sich im laufe der ersten Lebensjahre aus. Das sogenannte „Core gender“ des Kindes, das heißt sein Gefühl „männlich“ oder „weiblich“ zu sein, entwickelt sich also offenbar in Übereinstimmung damit, welches Geschlecht man ihm bei der Geburt zugesprochen hat.

Die Entwicklung zur geschlechtlichen Selbstbestimmung soll nach Meinung einiger Autoren im Alter von 18 Monaten, nach Meinung anderer bis zum 3. Lebensjahr abgeschlossen sein. Danach ist sie kaum noch reversibel, und man muß mit psychischen Fehlentwicklungen rechnen, wenn man nach diesem Alter versucht, ein Kind mit einer genetisch falschen Geschlechtsbestimmung seinem genetisch richtigen Geschlecht entsprechend umzuerziehen.

Mit der geschlechtlichen Selbsteinstufung des Kindes stehen auch seine psychischen Einordnungsfähigkeiten, seine Identität und Selbstrepräsentanzen in engem Zusammenhang. Denn, so argumentieren Stoller und andere, mit der Geschlechtsidentität gehe die Objekt- und Identitätswahl Hand in Hand, das heißt ihr entsprechend werden mitmenschliche Objekte zur Imitation und Identifikation ausgesucht.

Wenn auch die „Core-gender-Identität“ innerhalb der Eltern-Kind-Beziehung entsteht, sind es doch vor allem die Einstellungen der Eltern zu bestimmten Verhaltensweisen und Eigenschaften, die es dem Kind aufzwingen, sich als „männlich“ oder „weiblich“ anzusehen. Auch finden sich bei vielen Menschen gelegentliche Verwirrungen über ihre Geschlechtsidentität, ohne daß sie diese grundlegend in Frage stellen, wie das bei den Transsexuellen und eventuell auch bei einigen Homosexuellen und Transvestiten der Fall sein kann. Das heißt, es besteht schon in den ersten Jahren eine Vielfalt von mitmenschlichen Beziehungen und deren Verinnerlichungsmöglichkeiten, durch die die Geschlechtsidentität keineswegs fundamental in Frage gestellt zu werden braucht und die nur dann zu Verwirrungen dem eigenen Geschlecht gegenüber führen, wenn sie dem Kind von den Eltern oder der sie umgebenden Gesellschaft einengend geschlechtsspezifisch nahegebracht werden.

Hier geht es um die psychosexuelle Entwicklung der Frau. Auch in der klinischen Arbeit von Psychoanalytikern zeigt sich, daß die Sexualität der Frau von individuellen Erlebnissen, ihrer gesellschaftsspezifischen Erziehung und deren psychischer Verarbeitung abhängig ist. So wurde zum Beispiel die Lust am Leiden, der Masochismus, bisher von vielen als „typisch weibliche“ Eigenschaft angesehen. Freud meinte, daß die Frau ohne masochistischen Leidensdruck gar nicht imstande wäre, den Geschlechtsverkehr zu genießen.

Aber obwohl Frauen während der psychoanalytischen Behandlung häufig Vergewaltigungsphantasien äußern, die für sie sexuell stimulierend sind, werden tatsächliche Vergewaltigungen dagegen so gut wie nie als sexuell anregend erlebt. Im Gegenteil: meist sind sie Ursache eines Traumas, als dessen Folge sich oft bleibende psychische Störungen einstellen. Phantasie und Wirklichkeit lassen sich eben weder in ihrem Inhalt noch in ihrer Wirkung gleichsetzen. Sexuell stimulierende Vergewaltigungsphantasien sind nie so brutal wie die Wirklichkeit und machen vor allem nicht hilflos. Denn wer phantasiert, Opfer zu sein, ist dennoch aktiver Schöpfer und Beherrscher der Situation, die er gerade phantasiert.

Die als sexuell lustvoll erlebten Vergewaltigungs-, Unterwerfungs- und Erniedrigungsphantasien dienen oft erfolgreich dem Bestreben, auf initiative Weise bisher passiv erlittene Unterdrückung in kontrollierbare Situationen zu verkehren und aus Unlust Lust zu machen. Dennoch können Phantasien, indem sie zur Vorbedingung für sexuelle Befriedigung werden, auch das Gefühl erwecken, Sklave seiner Phantasien zu sein. Manche Frauen haben dann zwar mit Hilfe ihrer Phantasien die Herrschaft über ihre sexuelle Lust zurückgewonnen, aber sie erleben trotzdem, daß sie sich mit ihren Vergewaltigungsphantasien aus einer erniedrigenden Situation nur sehr teilweise befreit haben.

Es bleibt eine Identifikation mit dem Rollenbild der Frau als schwach und abhängig bestehen und damit auch das Bedürfnis, im Mann den Mächtigen zu sehen, durch den der sich vor ihm erniedrigenden, hilflosen Frau magische Unterstützung und Lebenshilfe zuteil wird. Die „Verführung des Agressors“ ist der Inhalt von vielen Phantasien von Frauen, das heißt sie wollen den mächtigen, aggressiven Mann mit Hilfe von Verführungskünsten und erotischer Unterwerfung beeinflussen und dadurch Macht gewinnen.

Wir wissen aber aus zahlreichen psychoanalytischen Erfahrungen mit Patientinnen, daß die masochistischen Phantasien mit masochistischen Verhaltensweisen nicht gemeinsam aufzutreten brauchen. Manche Frauen mit masochistischen Phantasien können in der Realität eher autonomere Verhaltensweisen entwickeln als Frauen, die solche sexuell stimulierenden Phantasien erfolgreich abwehren, aber dafür übertriebene Aufopferungshaltungen entwickeln, die kaum mehr zu durchbrechen sind.

Freuds Theorien von der sexuellen Entwicklung der Frau, in denen Anatomie und Embryologie eine so große Rolle zu spielen scheinen, spiegeln in Wahrheit die psychische und kulturelle Situation der Frau wider, wie er sie in der bürgerlichen Gesellschaft der Jahrhundertwende vorfand. Freud sah bekanntlich in der Klitoris einen verkümmerten Penis und hielt es für notwendig, daß die Frau ihre klitoridale Reizbarkeit zugunsten der Vagina im laufe der Pubertät abgeben müsse, um ihre „Weiblichkeit“ voll zu entwickeln.

Neuere Forschungen haben bewiesen, daß die embryologische Theorie, die Klitoris sei ein verkümmertes männliches Organ, nicht zutrifft. Die sogenannte „Induktor-Theorie“ der primären sexuellen Differenzierung konnte durch Untersuchungen des Embryos erhärtet werden. Dabei stellte sich heraus, daß der Embryo in den ersten Wochen weder undifferenziert noch bisexuell, sondern anatomisch weiblich ist. Um die ursprünglich weiblichen Fortpflanzungsorgane zu maskulinisieren, braucht der genetisch männliche Embryo das Hormon Androgen. Die Entwicklung der Weiblichkeit dagegen ist eine autonome weitere Reifung der angeborenen Anlage (siehe Sherfey: „Die Potenz der Frau“).

Da die Klitoris also kein verkümmertes männliches Organ ist, sonder eher anzunehmen ist, daß der Phallus eine vergrößerte Klitoris ist, gibt es auf biologischer Grundlage keine phallische Phase des Mädchens, was natürlich nicht heißen soll, daß die Existenz und symbolische Bedeutung des Phallus keine psychische Reaktionen beim kleinen Mädchen auslöst.

Auch kann es nicht als Zeichen biologischer oder psychischer Reifung angesehen werden, wenn die Frau im laufe ihrer Entwicklung die klitoridale Erregbarkeit zugunsten der vaginalen aufgibt. Die Erregbarkeit der Klitoris gehört physiologisch zur vollen sexuellen Befriedigung der Frau. Wie mittlerweile allgemein bekannt sein dürfte: der rein vaginale Orgasmus entpuppte sich als ein Mythos. Das heißt allerdings nicht, wie heute oft  fälschlich behauptet wird, daß es keinen vaginalen Orgasmus gäbe – den erleben viele Frauen -, nur sind am Zustandekommen eines Orgasmus physiologisch auch die Klitoris, bestimmte Muskelkontraktionen, Gefäße und Nerven etc. beteiligt.

Dennoch sollte die psychische Bedeutung des Sexualaktes und die Art des Orgasmus nicht unterschätzt werden. Mag sich in der sexuellen Vereinigung die gute symbiotische Beziehung zur Mutter wiederholen, mögen sich dadurch Ängste in Bezug auf die Intaktheit des eigenen Körpers oder des Körperinnern beruhigen oder steigern, Schuldgefühle mindern oder neu beleben, unübersehbar bleibt, daß das Lustgefühl des genitalen Aktes nicht nur von physiologischen, sondern weitgehend von psychischen Faktoren abhängig ist.

Mancher, der über die Lebensmitte des Menschen Forschungen angestellt hat, weiß zum Beispiel, daß das Über-Ich sich im Laufe des fortschreitenden Lebens mildern und dadurch Sexualität eher erlaubt werden kann. Die Triebschicksale sind nicht schon in der frühen Kindheit unabänderlich vorgezeichnet. Im laufe der kindlichen Entwicklung gibt es vielfältige Aspekte der Eltern-Kind-Beziehung, die sich, indem sie sich mit unterschiedlichen kindlichen Erlebnissen und Objektbeziehungen als auch mit denjenigen im Erwachsenenalter mischen, die verschiedensten Ausgänge und Entwicklungslinien möglich machen.

Ich habe früher schon einmal darzustellen versucht (in „Psychoanalyse und weiblichen Sexualität“ Psyche IX, 29), was verschiedene Partnerinnen im laufe eines Lebens für eine Frau bedeuten können. Bei Ablehnung der Sexualität und auch der kindlichen Onanie durch die Mutter kann es sowohl zu tiefen Schuldgefühlen als auch zu untergründigen Aggressionen dieser gegenüber kommen, die einen sexuellen Genuß nahezu unmöglich machen. Die von diesen Frauen als „böse“ empfundene Sexualität in ihnen wird in der Beziehung zu einem Partner/einer Partnerin agiert, die entsprechend als wertlos empfunden wird. Mit Hilfe einer Trennung kann es zu einer Externalisierung der eigenen inneren abgelehnten Sexualität und Introjekte kommen. Das braucht nicht nur als Agieren von Konflikten ohne deren Lösungsmöglichkeit erlebt und verstanden zu werden, sondern kann, wenn in der darauffolgenden Beziehung gute Anteile des eigenen Selbst erlebt werden, tatsächlich zu neuen Beziehungsmöglichkeiten und ihnen entsprechenden Verinnerlichungen führen. Dadurch kann ein tiefes Gefühl eigener Wertlosigkeit überwunden werden.

Trotz mancher Einseitigkeiten seiner Theorien über die Frau deckte Freud wie kein anderer die komplizierten psychischen Entwicklungen und Verhaltensstrukturen der Frau auf, wie sie sich in Jahrhunderten der Unterdrückung ausgebildet haben. Auch heute noch gilt: wenn wir vergessen, daß es in der Psychoanalyse um die Erkenntnisse des seelischen Umgangs mit realen Erlebnissen oder auch um die Erforschung biologischer somatischer Anforderungen an die Psyche und deren Verarbeitung geht, durch die eine neue psychische Realität entsteht, das heißt wenn wir das Unbewußte in seiner vollen und hoch komplizierten Wirkung nicht mehr wahrnehmen wollen, besteht die Gefahr, daß wir hinter Freud zurückfallen.

Das zum Beispiel geschah mit Wilhelm Reich, der sich um die sexuelle Befreiung beider Geschlechter intensiv bemühte. Für ihn spiegelte die Phantasie ungebrochen die äußere Realität wider oder hatte in bezug auf Neurosen irrelevanten Charakter. In einer von aller sexuellen Unterdrückung befreiten Gesellschaft sollte es nach ihm keine Neurosen mehr geben. An der von allen prägenitalen Phantasien gereinigten heterosexuellen Potenz, an der Stärke und Intensität des Orgasmus maß er Reife und Gesundheit des Menschen. Die geniale Erweiterung des Begriffs Sexualität, die Freud vornahm, die Bedeutung der Partialtriebe, das Verstehen der differenzierten und vielfachen psychischen Möglichkeiten, die mit dem sexuellen Lusterleben des Menschen verbunden sind, werden mit dieser Fetischisierung der  Genitalität erneut rückgängig gemacht. Der Zwang zum Orgasmus, unter dem besonders die Frauen zu leiden hatten und haben und der bei ihnen zu neuen Gefühlen der Minderwertigkeit und weiteren falschen Idealen von reifer Weiblichkeit geführt hat, läßt sich weitgehend auf Reich zurückführen.

Für Wilhelm Reich hatte übrigens privat die sexuelle Befreiung geschlechtsspezifische Grenzen: eheliche Untreue von Mann und Frau bewertete er – nach dem alten Muster der doppelten Moral – in der Lebenspraxis offenbar durchaus unterschiedlich, wie aus der Biographie seiner Frau Ilse Ollendorf-Reich hervorgeht.

Herbert Marcuses Begriff der repressiven Entsublimierung war Reich natürlich noch unbekannt. Mit diesem Begriff wies Marcuse darauf hin, daß Sexualität im Spätkapitalismus als gut verkäuflicher Konsumartikel genutzt würde, und die Freigabe der sexuellen Triebbefriedigung auch dazu diene, von gesellschaftlichen Problemen abzulenken. Die utopischen Vorstellungen Marcuses stehen deswegen im Gegensatz zu denjenigen von Reich. Für Herbert Marcuse kann die Welt nur dann freundlichere Aspekte annehmen, wenn es zu einer Selbstsublimierung der genitalen und prägenitalen Sexualität und damit der Versinnlichung und Intensivierung von zwischenmenschlicher Kommunikation im weitesten Sinne kommt, Arbeit und Vernunft einschließend.

Die Frigidität einer Frau ist also nicht unbedingt ein Zeichen einer schweren Neurose, noch die Orgasmusfähigkeit ein Zeichen psychischer Gesundheit.

Als Psychoanalytiker begegnen einem manche Frauen, die bei den meisten  ihrer Partner frigide sind, die aber keineswegs als besonders gestört angesehen werden können. Auf der anderen Seite haben Phyllis Grennacre und andere Analytiker beschrieben, daß es psychosenahe Frauen gibt, die in symbiotischer Weise hingäbe- und orgasmusfähig sind. Auch Anni Reich wies uns darauf hin, daß manche narzißtisch gestörten Frauen in totaler Identifikation mit dem idealisierten Sexualpartner zu extatischen Orgasmuserlebnissen fähig sind.

Es kommt eben immer darauf an, wie Sexualität psychisch verarbeitet wird. Je nachdem, welche psychische Repräsentanz Klitoris oder Vagina für eine Frau haben, ganz zu schweigen von der unterschiedlichen psychischen Verarbeitung der Beziehungen zu den verschiedenen Sexualpartner, wird eine Frau die damit verbundenen Erregungsmöglichkeiten erleben und bewerten.

Im letzten Jahrzehnt haben sich Frauen zunehmend um neue Verhaltensmuster bemüht. Ihnen liegt daran, eine Veränderung der weiblichen Rolle in der Gesellschaft herbeizuführen und dadurch ihre Situation und auch die Beziehung der Geschlechter untereinander zu erneuern. Deswegen setzen sich viele Frauen intensiv mit den Motiven auseinander, die manchen ihrer oft stereotyp gewordenen Verhaltensmuster zugrundeliegen. Indem sie die individuell psychische Verarbeitung ihrer Erziehung zu verstehen beginnen und einen Zugang zu sich selber und zu ihren eigenen Wüschen finden, gelingt es ihnen immer häufiger, den Wiederholungszwang in bezug auf „typisch“ weibliche Verhaltensweisen zu durchbrechen.

Es besteht die berechtigte Hoffnung, daß mit der Entwicklung des Feminismus eine Neubewertung der Sexualität und Verhaltensweisen der Frau vollzogen wird, die der Frau, gemeinsam mit psychoanalytischen Erkenntnissen, Ansätze dazu bietet, die Weiblichkeitsideale einer patriarchalisch strukturierten Gesellschaft und deren Folgen auf das eigene Verhalten kritischer zu durchdenken und sich entsprechend von ihnen zu distanzieren.

Margarete Mitscherlich-Nielsen

Aus: EMMA © Sonderband Sexualität 1982